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Wie ein Exoskelett Wintersportler stützt

Düsseldorf (dpa/tmn) - Die roten und blauen Stangen fliegen zur Seite, als Armand Marchant scheinbar mühelos durch die Kurven carvt. Dass er endlich wieder den Schnee unter den Brettern spürt, ohne Schmerzen trainieren und sogar Rennen fahren kann, ist für den belgischen Skirennfahrer fast ein Wunder. Im Januar 2017 war das Skitalent beim Weltcup-Riesenslalom im schweizerischen Adelboden schwer gestürzt und hatte sich das Knie buchstäblich zerlegt.

Lange hing seine Karriere am seidenen Faden.

Die Kniescheibe war zertrümmert, Innen- und Außenmeniskus waren kaputt, die Bänder lädiert. Sieben Operationen musste der junge Mann über sich ergehen lassen. Arztbesuche, Physiotherapie, Reha- und Aufbauphasen - und immer wie Rückschläge. «Es war eine schwierige Zeit», sagt Marchant. «Aber ich hatte immer ein Ziel vor Augen: gesund zu werden und wieder Rennen zu fahren!»

Im Sommer war der 21-Jährige aus Lüttich zur Saisonvorbereitung in Neuseeland und Australien mit der Ski-Nationalmannschaft unterwegs, Down Under bestritt er nach zweieinhalb Jahren Verletzungspause auch seine ersten internationalen Rennen. Und landete gleich mehrfach auf dem Treppchen. Ende November will Marchant, der zu den Top 50 der Weltrangliste des Internationalen Ski-Verbands (FIS) gehört, in den Weltcup-Skizirkus zurückkehren.

Das Exoskelett

Auf seinem schier endlosen Weg zum Comeback geholfen hat ihm ein sogenanntes Exoskelett an Bein beziehungsweise Knie. Solche Geräte gibt es inzwischen in verschiedenen Varianten und von mehreren Herstellern. Die grundsätzliche Funktionsweise ist aber immer die gleiche: Das künstliche Skelett soll die Belastung der beim Skilaufen besonders strapazierten Kniegelenke erheblich reduzieren.

Marchants Exoskelett trägt den Namen Ski-Mojo. Entwickelt wurde es vor mehr als zehn Jahren von einer Gruppe von Wissenschaftlern und Skifans um den englischen Ingenieur Owen Eastwood. Er konzipierte das Gerät speziell für das Ski- und Snowboardfahren. Doch die erste Markteinführung floppte, weil ein gutes Marketing-Konzept fehlte.

Wo bekommt man Exoskelette?

Erhältlich ist der Ski-Mojo bis jetzt nur in Frankreich, Belgien, der Schweiz und Italien. Auch andere Exoskelette sind in Deutschland noch nicht erhältlich. Das könnte sich aber ändern: Derzeit ist Ski-Mojo-Chef Jean-Marc Glaude in Österreichs Skigebieten unterwegs. Danach ist eine Markteinführung auch in Deutschland geplant. Vertrieben wird das knapp 600 Euro teure Ski-Mojo ausschließlich über den Sport- und Skifachhandel.

Mittels seitlich angebrachter Stoßdämpfer (Stahlfedern), die bis zu ein Drittel des eigenen Körpergewichts tragen, entlastet ein Exoskelett insbesondere die vordere Oberschenkelmuskulatur (Quadrizeps), reduziert den vertikalen Druck auf die Kniegelenke und lindert damit die Schmerzen.

Der Fahrer gewinnt etwa 33 Prozent mehr Kraft und Ausdauer bei unbeeinträchtigtem Kantendruck - so verspricht es zumindest Ski-Mojo. Das heißt: Ein 80 Kilogramm schwerer Skifahrer hat das Gefühl, mit etwa 55 Kilo unterwegs zu sein. Arthrotisch veränderte, also abgenutzte Knieknorpel werden geschont, Schmerzen reduziert.

Auch von Medizinern getestet

«Als ich das Gerät sah, wollte ich es testen. Ich war vorher nicht zu 100 Prozent überzeugt von dem Produkt. Ich dachte, es ist was für faule Skifahrer oder alte Leute», erzählt Marchant. «Als ich es ausprobierte, war mein erster Eindruck, dass ich die ganze Zeit Druck auf dem Ski und der Kante spürte. Ich fühlte mich leichter und konnte viel länger trainieren, ohne zu ermüden.»

Auch Frankreichs Ski-Idole Franck Piccard, Olympiasieger im Super-G 1998 in Calgary, und Luc Alphand, Ski-Weltcupsieger 1996/1997, sind schon mit Ski-Mojo gefahren. Auf der Internationalen Sportmesse 2008 in München wurde das Exoskelett mit dem ISPO Award in Gold ausgezeichnet. Der Ski-Mojo kann auch unter der Skihose getragen werden, so dass er unsichtbar ist.

«Muskeln und Knie werden entlastet. Ich war neugierig. Und ich muss zugeben, dass das Resultat mit der richtigen Abstimmung bei kurzen, mittleren und langen Schwüngen außergewöhnlich ist», lobt Ex-Skirennläufer Alphand. Könner seien nach einer Verletzung schneller wieder einsatzbereit und fühlten sich sicherer, so der 54-Jährige. «Aber es hilft auch schlechter Trainierten und Personen mit schwacher Muskulatur oder schmerzenden Gelenken.»

Der Effekt eines Exoskeletts ist vergleichbar mit dem eines E-Bikes, das den Radfahrer beim Bergauffahren per Knopfdruck unterstützt. Bandbreite und Anwendungsmöglichkeiten sind groß: Skianfänger können genauso profitieren wie ambitionierte Fahrer und Könner. Geeignet ist das Gerät nicht nur für Ski- und Snowboardfans. Auch beim Bergwandern, vor allem beim Bergablaufen, bietet es eine gute Unterstützung für die Muskulatur und eine Entlastung der Kniegelenke.

Empfohlen wird das Gerät auch von Medizinern. Der Orthopäde Janusz Stelmaszyk etwa sagt, dass seine arthrosebedingten Schmerzen trotz eines anstrengenden Skitages völlig verschwunden gewesen seien. «Ein enormer technischer Fortschritt.» Sein Kollege Michel Cymes bezeichnet es gar als «kleine Revolution für Menschen, die unter Muskelkater leiden oder ihren Skitag nicht vollends ausnutzen können».


Text: dpa / Bild: (dpa) (04.11.2019)